Pro Patria

Schweigen ist Gold

18. September 2007 | Von tio85 | Kategorie: Christentum, Deutschland

Ein Kommentar zum Thema Wortwahl anhand der jüngsten Beispiele Franz Josef Jung und Kardinal Joachim Meisner. Wahrlich bitter wenn es schon soweit ist, dass die Grünen, die einzigen waren, die der Politik nachgingen. Obwohl die Politik der Grünen wenig mit der Realität zu tun hat.

Am Wochendende wurde eines der Probleme Deutschlands offenbar: Nur die Grünen haben ernsthaft über “echte” Politik gestritten, über die Bundeswehr in Afghanistan. Alles andere drehte sich um Worte: Wer hat was gesagt, war das gut? Und schier unvermeidbar, reflexartig wurde die deutsche Lieblingsfrage eingewebt: Wem können wir heute den Nazi-Stempel aufdrücken?

Zwei, deren Umgang mit Worten schon mehrmals unglücklich war, spielten die Hauptrollen: Verteidigungsminister Franz Josef Jung und der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner. Zunächst zu Jung. Er gab ein Interview zur Frage, was zu tun sei, wenn ein von Terroristen gekapertes Passagierflugzeug sich nähere. Was nicht zu tun sei, hat das Bundesverfassungsgericht entschieden: Wenn Unschuldige an Bord sind, darf der Staat es nicht in unstatthafter Abwägung menschlichen Lebens abschießen. Man traute also seinen Ohren nicht, als Jung sagte: Es könne sein, dass er doch einen solchen Befehl erteile.

Abgesehen davon, dass man so etwas womöglich tun muss, aber doch keinesfalls vorab darüber plaudert, deutete seine Erklärung an, dass er der Frage vielleicht intellektuell, aber mit Sicherheit rhetorisch nicht gewachsen ist: “Deshalb müsste ich im Notfall vom Recht des übergesetzlichen Notstands Gebrauch machen.”

Doch das gibt es nicht, denn “übergesetzliches Recht” ist ein schwarzer Schimmel. Es kann Notstand herrschen, er kann auch zu übergesetzlichem Handeln zwingen. Aber dann ist die Sphäre der Legalität, des Rechts, verlassen in Richtung der Legitimität, des Erforderlichen, das nicht auf dem Recht, sondern auf der tatsächlichen Staatsgewalt gründet und dessen moralische Notwendigkeit sich hoffentlich erweist. Hätte Jung doch besser geschwiegen.

Anders Meisner. Er hielt eine knapp dreiseitige Predigt zur Eröffnung seines Diözesanmuseums, in der er knapp eine Seite lang von der Menschenverachtung in Birkenau referierte, vom Versuch, das jüdische Volk zu “zertreten”, was dem Versuch des Gottesmordes entsprochen habe, vom “Antigott”, der “grausamst” herrschte, wenn der Mensch, wie im dritten Reich, seine “Identifikation auf Gott hin” vergesse.

Meisners Folgerung, Kunst habe “immer mit Gott zu tun, auch wenn es rein profane Kunst ist”, muss man nicht teilen, kann man wohl auch nicht. Seine Einengung der Begriffe Kultur und Kunst auf (Gottes-)Kult ist fragwürdig. Man denkt an den Agnostiker Gottfried Benn, der insgesamt bezweifelte, ob “Kunst” und “Kultur” allzu viel miteinander zu tun hätten. Aber soweit greift das Nachdenken über Meisners Predigt nicht.

Denn er hat gesagt, was ihn dem Igitt und der Empörung aller Antifaschisten preisgibt: “Wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt ist, erstarrt der Kultus zum Ritualismus, und die Kultur entartet.” Nun bedarf es keiner Auseinandersetzung mit seinen Thesen mehr, denn er hat ein Wort gebraucht, das auch die Nazis verwendet haben. Deswegen ist er “geistiger Brandstifter” - “braunen Ungeist” wittert der Zentralrat der Juden.

Meisner hat ein Wort verwendet, das es in der Physik und der Medizin gibt, das der Rabbinersohn Max Nordau 1892 zum Titel seiner Kritik an der Moderne verwendete. Aber wir lassen es verhaftet in der babylonischen Gefangenschaft eines Unrechtssystems der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als gebe es immer nur und für immer diesen Missbrauch. Dieser deutsche Reflex funktioniert weiterhin fehlerfrei. 1

Von Detlev Ahlers

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  1. s. Printausgabe der Südwestpresse vom 17. September 2007 - Leitartikel: Wortwahl “Schweigen ist Gold” []
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