Gutmenschentum als Weg in die Katastrophe
6. September 2007 | Von tio85 | Kategorie: AllgemeinDie 68er haben den nachfolgenden Generationen eine Ideologie des Gutmenschentums aufgebürdet, die bis ins Private hineinreicht, glaubt der Schriftsteller Richard Wagner. Als Illustration seiner These dient ihm sein neuer Roman “Das reiche Mädchen”, in dem eine Ethnologin aus reichem Hause eine Beziehung zu einem serbischen Flüchtling eingeht, um sich von der Nazi-Vergangenheit ihrer Familie “reinzuwaschen”. Ein lesenswertes Interview.
Hettinger Herr Wagner, Sie haben es eben angedeutet, dass sich dieses Gutmenschentum, dieses generationentypische Gutmenschentum, auch gespeist hat aus der Philosophie der 68er. Wie unterscheidet sich die Generation, die Sie hier in der Figur der Bille porträtieren, von den 68ern, gerade im Hinblick auf den Unterschied zwischen dem Umgang mit Schuld und Verstrickung?
Wagner: Da geht es um die Generation der um 1960 und danach Geborenen, also die wirklich nächste, nicht mehr Halbgeneration, sondern die erste richtige nachfolgende Generation, die aber selber wenig politisch auftritt. Also sie hat nicht selber ein politisches Programm. Das Programm, das sie hat, ist unterschwellig aber das, was vermittelt worden ist von ‘68. Da ist nichts dagegenzustellen, weil die ja das Positive im Gutmenschen-Sinn besetzt haben.
Was sie machen können, ist, das ins Private umzusetzen. Es ist eine sehr private Generation, die aber dadurch tragisch wird, dass sie dieses Ideologische nicht abstoßen kann, indem sie es reflektiert, sondern indem sie es sozusagen verinnerlicht. Und dann über die Sensibilität kommt sie eben in die Situation dieser Hilflosigkeit, in der sie ist, frustriert, weil sie etwas nicht Neues schaffen kann und auf der anderen Seite immer noch in der Situation, das leisten zu müssen, was die Vorkämpfer von ‘68 als Messlatte angesetzt haben.
Hettinger Und gerade dadurch, dass man diese Mission so privat sieht, wird sie so explosiv?
Wagner: Ja, das ist eindeutig, die Überidentifikation mit der Mission, also die lässt ja, das ist ja schaurig, diese Geschichte, wie Bille Sundermann gar nichts anderes zulassen kann und wie sie es gar nicht merkt, dass sie ihre Gefühle ideologisiert und dass sie sie zusammen mit diesem Mann praktisch in den Abgrund stürzt.
Hettinger Inwieweit ist das bei uns gesellschaftliche Normalität geworden?
Wagner: Das ist ein sehr verbreitetes Phänomen, man sieht es in all den Diskussionen, die wir haben. Jetzt zum Beispiel mit den sogenannten Ehrenmorden in den islamischen Einwanderergemeinschaften und dem Verständnis, was dauernd angemahnt wird, also der Gutmensch will ja immer verstehen, auch dort, wo nichts zu verstehen ist. Wir müssen aber lernen, dass es Phänomene der Inkompatibilität gibt, dass hier einfach auf der einen Seite die Aufklärung und das Grundgesetz sind und auf der anderen Seite eine traditionalistische Gesellschaft, die auf Ungleichheit und auf Brutalität auch beruht.
Und das sehr Schlimme ist daran, dass man das in unserer Gesellschaft nicht begreift. Die ganzen Diskussionen, die wir führen, zeigen das, seit dem 11. September 2001, dass wir sehr viel da einfach nicht verstehen, aus dem Grunde nicht begreifen wollen und können, aus dem Grunde, weil das ideologische Muster sich dafür nicht eignet, mit dem wir zugange sind. Wir müssen an diese Ideologie ran und sie abbauen. 1
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