Wider die politische Korrektheit
8. August 2007 | Von tio85 | Kategorie: DeutschlandEin sehr guter Artikel der mir aus der Seele spricht und berechtigterweise kein gutes Haar an der politischen Korrektheit in Deutschland lässt. Zu finden in der aktuellen Ausgabe von Cicero. Die Fußnoten sind von mir eingefügt worden.
Wider die politische Korrektheit
von Alexander Gauland
Es ist gut, dass ein Großer, einer, der es sich leisten, den man nicht sofort aus der öffentlichen Debatte verbannen kann, endlich gegen den geistigen Terror der politischen Korrektheit aufbegehrt. Mit seinem Plädoyer für den Scientologen Tom Cruise 1 hat Florian Henckel von Donnersmarck ein Tabu gebrochen, ein Tabu, das die geistige Freiheit in diesem Lande seit Jahren einschränkt, weil viele mitmachen, die einen, weil sie ihre Überzeugungen absolut setzen, die anderen, weil sie die intellektuelle Verstoßung fürchten. Es ist schon so, wie der Herausgeber der FAZ, Frank Schirrmacher, kürzlich festgestellt hat: In diesem Lande dürfte heute nicht einmal der echte Stauffenberg sich selber spielen. 2
Es begann mit dem ebenso lächerlichen wie sprachästhetischen Unsinn der „Innen“, die sich nun schon auf amtlichen Erfassungsbögen über Architekt/Innen und Soldat/Innen finden. Und was als sprachlicher Mummenschanz begann, hat im „Gender Mainstreaming“, also der politischen Geschlechtsumwandlung zu Gleichstellungszwecken seine traurige Fortsetzung gefunden. Man wage nur die These, dass es Sache der islamischen Gesellschaften und nicht der Amerikaner oder Europäer ist, die Gleichstellung der Frau im Islam durchzusetzen, und schon macht der Menschenrechtsfeminismus mobil. Dabei tappen auch Liberale leicht in die jakobinische Falle. Dass Christian Klar wohl noch immer nicht bedingungslos der Gewalt abgeschworen hat, hat ihn zu Recht um eine Begnadigung gebracht. Dass er das privatkapitalistische System abschaffen will, spricht jedoch nicht gegen seine Resozialisierung, solange er es friedlich und demokratisch unternimmt. Denn in einem hat der nicht immer lupenreine Demokrat Putin bestimmt Recht. Privateigentum an russischen Gas- und Erdölquellen gehört nicht zu den Menschenrechten, die jedermann zu respektieren hat. Wie problematisch das Starren auf Anzeichen von Rassismus in unserer Gesellschaft sein kann, hat kürzlich der Fall Mulugeta 3 in Potsdam gezeigt. Da die vermeintlichen Täter weiß und Deutsche waren und das Opfer Afrikaner, nahm sich nicht nur der General- Bundesanwalt der Sache an, die wohl eher eine Schlägerei unter Betrunkenen war, sondern es wurde auch ein Klima der öffentlichen Vorverurteilung durch Mahnwachen und Solidaritätsadressen erzeugt, in dem das freisprechende Urteil des Potsdamer Landgerichts schon fast eine mutige Tat darstellte. Die bundesweite Aufregung über den Fall steht in merkwürdigem Gegensatz zur großen Stille über zwei Berliner Straftaten, bei denen die Opfer ebenfalls farbige Ausländer, die Täter aber offenbar Türken oder jedenfalls dem moslemischen Kulturkreis angehörende Personen waren. Aber der frühere Regierungssprecher Gerhard Schröders, Uwe-Karsten Heye, hatte die ausländischen Besucher der Fußball- Weltmeisterschaft ja auch vor deutschem Rassismus und nicht vor moslemischer Fremdenfeindlichkeit gewarnt.
Längst haben wir uns in diesem Lande daran gewöhnt, dass linke Gewalt wegen der angeblichen Ungerechtigkeiten, gegen die sie sich richtet, mit einem gewissen Verständnis, rechte dagegen nur mir Abscheu und Entsetzen rechnen kann. Die politische Korrektheit beginnt die große Errungenschaft der Französischen Revolution, die Gleichheit vor dem Gesetz ohne Ansehen der Person, in so genannten affirmativen Haltungen aufzulösen. Weil die Europäer in ihrer Geschichte so manche Untat gegen Angehörige farbiger Kolonialvölker begangen haben, fühlt sich eine überkorrekte öffentliche Meinung verpflichtet, kriminellen Taten mit nachholender Reue und vorauseilender Buße zu begegnen, wenn die Täter Deutsche ohne Migrationshintergrund sind. Es ist ein umgekehrter Rassismus, getrieben von der Motivation des „Nie wieder Deutschland“, wie schon in den Tagen der Wiedervereinigung hier und da formuliert wurde. Es ist es bestimmt richtig, dass Auschwitz und das, wofür es steht, uns die Verpflichtung auferlegen, mit unserem historischen Erbe bewusst aufmerksam prüfend umzugehen. Das schlägt allerdings dort in ahistorische Rechthaberei um, wo — wie kürzlich geschehen — Figuren wie Bismarck an den Forderungen des modernen Feminismus gemessen werden, und deutsche Geschichte wie einst bei den Nationalsozialisten zum Vorläufer erklärt wird. Von Mann stammt die kluge Beobachtung, dass „die Geschichtsschreiber Hitler zu viel Ehre antun, die uns glauben machen wollen, es habe Deutschland 100 Jahren nichts anderes getrieben als sich auf das unvermeidliche Ende, Nationalsozialismus, vorzubereiten“
Das hindert manche allerdings nicht daran, die nationalkonservative junge Freiheit vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen, während ihr linker Gegenpart, die taz, unhinterfragt zum demokratischen Spektrum der Bundesrepublik gehört. Dabei haben weder die eine noch die andere je Auschwitz verteidigt, den Führer zurückgewünscht oder die mörderische Bilanz verkleinert. Warum also der Unterschied in der Behandlung? Es wird Zeit, dass die politisch Korrekten nachprüfbar erläutern, warum ein Scientologe nicht Stauffenberg spielen und ein Nationalkonservativer kein guter Demokrat sein kann. Schließlich hat ja niemand ein Berufsverbot für die Theologen gefordert, die die politisch korrekte Bibelübersetzung verbrochen haben, auch wenn Luther darüber wahrscheinlich strenger gedacht hätte. 4
Ob man sich den Film nun anschauen wird oder nicht muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich werde meine Entscheidung aber nicht daran binden ob Tom Cruise Scientologe ist. Er könnte auch ein Nazi oder Kommunist sein, auch das hätte mit dem Film an sich nichts zu tun. Und mir ist in den Filmen, die ich bisher von ihm gesehen habe auch nicht aufgefallen, dass er für Scientology wirbt. Warum sollte ich seine Sektenangehörigkeit also in die Bewertung dieses Filmes mit einfließen lassen?
- vgl. FAZ - Deutschlands Hoffnung heißt Tom Cruise [←]
- vgl. FAZ - Die unmögliche Mission [←]
- vgl. Pro Patria - Der Fall Ermyas Mulugeta [←]
- s. Cicero - Wider die politische Korrektheit (Ausgabe vom August 2007) [←]








