Freiheit für die Pinguine
3. August 2007 | Von tio85 | Kategorie: Deutschland, IslamIm Magazin Cicero erschien jüngst ein lesenswerter Kommentar. Die Hervorhebungen im Text sind alle von mir.
Freiheit für die Pinguine!
von Frank A. Meyer
Kollege Jörg Lau ist kaum je um ein Wort verlegen. Und so formulierte der kluge Zeit-Autor präzise wie kein anderer den Kernsatz zum Integrations-Gipfel: „Das ist doch der Gipfel!“
Lau zielt mit seinem indignierten Stoßseufzer auf die Absage der türkischen Migrantenverbände an Angela Merkel. Die Boykotterklärung richtete sich gegen das demokratisch beschlossene Zuwanderungsgesetz, das die Muslime in der Bundesrepublik angeblich diskriminiere und ausgrenze.
Diese Anmaßung war dann aber auch das Einzige, was an der Veranstaltung ein Gipfel war. Was wäre denn ein echter Gipfel? Doch wohl eine Versammlung Gleichgestellter, zum Beispiel das Treffen der acht Weltwirtschaftsmächte in Heiligendamm, dem die Bundeskanzlerin vorsaß, oder der Beschäftigungsgipfel von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, den weiland Kanzler Schröder einberufen hatte.
Die Bundesregierung und die muslimischen Migranten-Clubs dagegen sind keine Gipfel-Partner. Freilich ist das einer vom TV-Talk überfluteten Nation nur schwer zu vermitteln. Moderatorinnen sonder Zahl tummeln sich auf allen Kanälen. Warum dann nicht auch eine Moderatorin im Kanzleramt?
Wenn es nur so wäre, dass Merkel Christiansen spielte! Doch die Veranstaltung war fatal: Das Etikett „Gipfel“ weckte falsche Vorstellungen. Zum Beispiel stellten sich die türkischen „Gipfel“-Teilnehmer vor, es werde verhandelt, und zwar über das Zuwanderungsgesetz. Wer als Interessenvertreter erst ins Innenministerium und schließlich sogar ins Bundeskanzleramt gebeten wird, um ein brisantes gesellschaftliches Problem zu diskutieren, sieht sich verständlicherweise in der Rolle des Verhandlungspartners – und erwartet ein handfestes Ergebnis.
So kam es zum Ultimatum der türkischen Migrantenverbände: Entweder das Zuwanderungsgesetz wird verhandelt, oder wir bleiben dem Gipfel fern! Was Angela Merkel sich selbstverständlich dezidiert verbat: „Der Bundesregierung stellt man kein Ultimatum.“
Das klang zwar gut, war aber nur ein weiterer Dreh an der Spirale: Die „Gipfel“-Gäste hatten den Fehde-Handschuh geworfen. Die Bundeskanzlerin nahm ihn auf.
Dabei gibt es nichts, das mit den muslimischen Organisationen auf dieser allerhöchsten Ebene zu diskutieren wäre: nicht das Kopftuch, nicht die Verhüllungspflicht der Frauen, nicht den getrennten Turn- und Schwimmunterricht für Mädchen, nicht das islamische Erziehungsrecht der Männer über die Frauen, nicht die daraus abgeleitete häusliche Gewalt.
All das ist nämlich bereits geregelt: durch das deutsche Recht, auch durch das europäische, von der Religionsfreiheit über die Koedukation bis hin zur Gleichberechtigung der Frauen.
Es gilt, was gilt. Und es gilt nicht, was dagegen verstößt: Koran-Dogmen und Scharia-Recht.
Die deutsche Regierung ist auf die aggressive Larmoyanz hereingefallen, mit der die muslimischen Organisationen ihre angebliche Zurücksetzung bejammern. Doch die Klage ist nichts anderes als das Eingeständnis, dass ihre um Jahrhunderte zurückgebliebene Religionskultur in einem fundamentalen Gegensatz zur aufgeklärten Lebenswelt des modernen Europa steht – es sei denn, die Gastländer passten sich an und schafften rechtliche Reservate für Riten und Regeln des Mittelalters.
Warum eigentlich sind die Kinder asiatischer Migranten in Deutschlands Schulen so erfolgreich? Warum sind es die Kinder russischer Zuwanderer? Und warum scheitern türkische und arabische Schüler so oft?
In der Süddeutschen Zeitung war dazu jüngst folgender zaghafter Satz zu lesen: „Kulturelle Traditionen mögen hier eine Rolle spielen…“ Mögen? Die religiös-kulturellen Fesseln des Islam behindern die Gläubigen auf Schritt und Tritt, die islamischen Jugendlichen ganz besonders – beim wichtigsten Schritt in ein selbstbestimmtes Leben: beim Lernen.
Nicht die deutsche Schule ist schuld, nicht die deutsche Gesellschaft ist schuld, nicht die deutschen Gesetze sind schuld an der mangelnden Integration der Muslime. Nichts Deutsches muss geändert werden.
Reformiert werden muss die islamische Religionskultur. Aufgebrochen werden muss die erstickende private Lebenswelt von Millionen Migranten – nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa.
Was „Gipfel“ bringen, ist nachzulesen im gut gemeinten „Integrationsvertrag“ der Stadt Wiesbaden. Da verpflichtet sich die Gemeindeverwaltung doch tatsächlich, gegen die Diskriminierung muslimischer Frauen im Gesellschafts- und Arbeitsleben einzutreten. Das heißt, die Behörden werben für die Akzeptanz von Kopftuch oder Tschador. Paradoxer geht’s kaum: Nicht die islamischen Patriarchen diskriminieren die muslimischen Frauen, nein, die deutsche Gesellschaft tut’s.
Das ist jetzt wirklich der Gipfel!
Der Schriftsteller Ralph Giordano hat jüngst verschleierte Musliminnen als Pinguine bezeichnet. Der Protest war gewaltig, nicht nur vonseiten der organisierten Migranten, auch aus der deutschen Politik und Publizistik tönte es empört.
Seit langem kursiert in Kneipen und auf Humorseiten folgender platter Witz: Fragt ein Autofahrer seinen Freund: „Sag mal, gibt’s in der Gegend Pinguine?“ Antwortet der: „Nein, warum?“ Stöhnt der Autofahrer: „Dann habe ich eben eine Nonne überfahren.“
Die Kirche hat gegen den Witz nicht protestiert. Kein Katholik meldete sich gekränkt zu Wort.
So fordern wir denn im Sinne Ralph Giordanos: Freiheit für die Pinguine! 1
Meyer, Frank A.
Frank A. Meyer ist Journalist. Er lebt in der Schweiz. Gerade erschien “Der lange Abschied vom Bürgertum”, ein Gespräch Meyers mit Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler im wjs-Verlag Berlin. 2
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